Freitag, 22. Januar 10 um 09:36 Alter: 2 Jahr(e)

Hannelore Kraft zwischen Privatem und Politik


Chefin der NRW-SPD packt in Detmolder Betrieb kräftig mit an

Detmold. Ein Tag zum gegenseitigen Kennenlernen: Hannelore Kraft, Vorsitzende der Landes-SPD, besucht Detmold. Doch die 48-jährige, die im Mai Regierungschefin in NRW werden möchte, kam nicht, um die Sehenswürdigkeiten der Residenz in Augenschein zu nehmen. Sie kam zum Arbeiten, und sie kam, um sich und ihr Programm in der Stadthalle vorzustellen.

Acht Uhr morgens, Handwerksbetrieb Engstfeld im kleinen Stadtteil Hornoldendorf: Die Mitarbeiter staunen nicht schlecht über die neue Kollegin, die an diesem Tag in der Produktion kräftig mit anpacken will. Es ist Hannelore Kraft, die ein Eintagespraktikum in dem alteingesessenen Familienbetrieb absolviert. Sie durchläuft mehrere Stationen in der Metallverarbeitung, biegt Teile zurecht, bedient Maschinen. Vor allem aber: Sie sucht das Gespräch mit den rund 30 Mitarbeitern, will wissen, wo der Schuh drückt, wie der Arbeitsalltag aussieht – Erfahrungsaustausch. Feierabend ist für sie um 15:30 Uhr. Seniorchef Gerd Engstfeld ist zufrieden: „Frau Kraft hat guten Umsatz gemacht.“

Abends in der Stadthalle ist dann die Zeit, um über die Erfahrungen als Praktikantin, aber auch über den Menschen Hannelore Kraft und ihre politischen Überzeugungen zu sprechen. Mehr als 150 Lipperinnen und Lipper lauschen dem Gespräch zwischen Kraft und dem ehemaligen Fernsehmoderator Reinhard Münchenhagen. Die SPD-Chefin berichtet über ihre Kindheit und Jugend im Revier, über ihre Banklehre und ihr Studium der Wirtschaftswissenschaften, über alles, was sie zur Sozialdemokratin werden ließ.

Und sie berichtet über Sohn Jan, der bald sein Abitur bauen werde, und an dessen Alltag sie auch als Mutter immer wieder nachvollziehen könne, was in der nordrhein-westfälischen Bildungspolitik alles schief läuft. Die ehemalige Landesministerin fordert längeres gemeinsames Lernen, statt des „großen Aussortierens“ nach Klasse 4. Ferner will sie an den Schulen den demografischen Wandel für eine Verbesserung der Lehrqualität nutzen. „Die Schülerzahl sinkt. Wir können dafür sorgen, dass mehr Lehrer weniger Schüler unterrichten und Schule dadurch besser wird. Wir müssen dafür allerdings den ‚Demografie-Gewinn’ im Bildungssystem belassen. Die jetzige Regierung aus CDU und FDP tut das nicht.“

Die Mülheimerin griff auch sozialpolitische Themen auf. Ihr Tagespraktikum in Hornoldendorf habe ihr erneut gezeigt, dass die Rente mit 67 auf den Prüfstand gehöre. „Wer über Jahrzehnte in der Metallverarbeitung tätig ist, der muss eher in den Ruhestand gehen können. Alles andere ist körperlich kaum zu schaffen.“ Die SPD-Politikerin forderte außerdem Fehler in der Hartz IV-Gesetzgebung wieder zu korrigieren. Beispielsweise seien die Arbeitslosen besser zu stellen, die jahrzehntelang in die Sozialkassen eingezahlt hätten und nun die Solidarität der Gesellschaft bräuchten. In der Landespolitik wies Kraft auf die jüngste Bertelsmann-Studie hin, die Nordrhein-Westfalen im Vergleich zu anderen Bundesländern eine negative Entwicklung in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bescheinigt.

Auch die drei lippischen SPD-Landtagskandidaten berichteten in der Stadthalle von ihren Arbeitseinsätzen. Ute Schäfer, MdL aus Lage und ehemalige Schulministerin, absolvierte ihr Praktikum im Feierabendhaus, einem Seniorenzentrum in Bad Salzuflen. Der Detmolder Dennis Maelzer arbeitete für einen Tag in den Behindertenwerkstätten der Lebenshilfe in Schönemark. Jürgen Berghahn aus Blomberg stellte sich in den Dienst der IG Metall und besuchte lippische Betriebsräte und Vertrauensleute.


 
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